Vergessene Ufer
Wenn man die Menschen fragt, was einen Ort besonders lebenswert macht, gehört die Nähe zum Wasser fast immer zu den meistgenannten Antworten. Einige Studien konnten zeigen, dass Wasserflächen beruhigend auf uns wirken und einen großen positive Effekt auf unser Wohlbefinden haben.
Und dann gibt es Städte, die am Fluss liegen – und doch scheinen die Flüsse für die Menschen fast unsichtbar zu sein. Die Donau bei Dillingen zum Beispiel: Sie fließt in gebändigten Bahnen vorbei, ohne eingeladen zu werden. Kein Badesteg, kein lebendiger Uferraum, kaum eine Erinnerung im Alltag der Menschen. Dabei ist es dasselbe Wasser, das uns das Leben schenkt.
Unsere gestrigen Wassertage in Dillingen, Mindelheim und Penzberg haben uns deutlich gezeigt, wie weit wir uns mancherorts vom Wasser entfernt haben und auch, wie viel Kraft in der Rückverbindung liegt.
Dillingen: Begegnung am entfremdeten Fluss
Früh am Morgen versammelten sich die Schüler:innen des Johann-Michael-Sailer-Gymnasiums im Filmcenter, um Pascal auf seiner Reise bis ins Schwarze Meer zu erleben. Danach ging es hinaus an die Donau, zum Wasserkraftwerk bei Flusskilometer 2538,95. Die Achtsamkeitsstation ließ die Jugendlichen spüren, dass hier mit der Donau etwas nicht in Ordnung ist. Schnurgerade und träge treibt sie die Turbinen des Wehrs an. Eigentlich kann man hier nicht von einem Fluss sprechen, die Donau ist hier lediglich Mittel zum Zweck.
Am Ufer malten die Schüler:innen Wasserbilder und entnahmen Mikroplastik-Proben – all das zeigte: Der Fluss ist präsent, aber kaum im Lebensalltag der Dillinger verankert.
Unseren diesjährigen Wasserdeckel hat der Dillinger Künstler und Kunstlehrer Michael Kreuzer entworfen. Der Wasserdeckel trägt das Wasser im Zentrum – auch als Erinnerung an den großen bedeutenden Strom, den Dillingen direkt vor der Haustür hat.
Wie es auch anders gehen kann, zeigen Städte wie München mit der Isar oder Basel mit dem Rhein, wo die Flüsse wieder zu Lebensadern geworden sind und im Alltag der Stadtbewohner einen festen Platz haben. Dafür aber brauchen sie Raum zum Fließen und zum natürlichen Wirken. Auch hier in Dillingen an der Donau wäre das möglich. Es ist ein Schatz, den diese Stadt schon im Namen trägt – und auch im Herzen tragen könnte.
Am Nachmittag, beim Paddeln auf den Weisinger Seen, erlebten viele zum ersten Mal, wie es sich anfühlt, wirklich vom Wasser getragen zu werden. Trotz Wind und Regen: „Ein hervorragender Tag, super zur Entspannung“, „Coole Workshops“, „Ich bin sicher, dass Pascal seine Vision erreicht!“ Die Rückverbindung beginnt nicht nur im Kopf, sondern auch im Körper.
Mindelheim: Wasser als Begegnungsort
Am Mindelsee trafen wir gestern mit zwei lebhafte sechste Klassen des Maristenkollegs aus Mindelheim – und eine Gruppe von Störchen, die uns an diesem Tag begleitete.
Fast alle Schüler:innen wagten sich auf die SUP-Boards. Der Wind trug uns hinaus, auf dem Rückweg paddelten wir gegen die Böen an – und wuchsen mit jedem Paddelschlag ein Stück über uns hinaus.
Hermann Schneider von der Sparkasse Schwaben-Bodensee begleitete den Tag und erinnerte sich an Zeiten, in denen die Gewässer in seiner Heimat Sachsen noch so verschmutzt waren, dass man geangelte Fische nicht essen konnte. Heute ist vieles besser. Doch der Klimawandel setzt auch dem Mindelsee zu. Hitze, Trockenheit, Nährstoffeinträge belasten das sensible Ökosystem erneut. Was wir gewonnen haben, steht wieder auf dem Spiel.
Penzberg: Karibik nach dem Sturm
Der Fohnsee lag nach dem Gewitter der Nacht fast paradiesisch da. Das Wasser strahlte uns klar und türkis entgegen. Der Fohnsee gehört zu den Osterseen, einer Gruppe aus 20 Seen südlich des Starnberger Sees. Seit 1981 stehen die Osterseen unter Naturschutzgebiet. Ein Gebiet, das atmen darf.
Nach den Stationen paddelten die Schüler:innen der Heinrich-Campendonk-Realschule Penzberg mit uns auf den See hinaus und ließen sich treiben. Ein schöner Teamgeist entstand, achtsam und leicht.
Bei einem Spaziergang erforschten wir mit den Schüler:innen die umliegenden Seen und spürten, was Naturschutz bedeutet. Natur, die so sein darf, wie sie ist, pulsiert anders. Sie weitet den Blick und erinnert daran, wie viel wir verlieren und schützen können.
The water we met
Die Weisinger Seen
Südöstlich von Dillingen liegen die Weisinger Seen. Entstanden aus ehemaligen Kies- und Sandgruben, sind sie heute ein beliebtes Ziel für Spaziergänger:innen, Angler:innen, Naturliebhaber:innen.
Die Seen werden überwiegend durch Grundwasser gespeist, ihr Wasserspiegel schwankt je nach Jahreszeit und Niederschlagsmenge. In regenreichen Jahren verbinden sich einzelne Wasserflächen miteinander; in trockenen Zeiten liegen schmale Uferzonen offen. Eine direkte Verbindung zur Donau besteht nicht, doch das System steht in engem Austausch mit dem Grundwasserraum der Region.
Für die Region sind die Weisinger Seen Naherholungsorte zum Schwimmen, Spazieren und Eintauchen in die Natur. Und zugleich sind sie Lebensräume für Amphibien, Vögel und Wassertiere.
Der Mindelsee bei Mindelheim (“Neue Nordsee”)
Der Mindelsee bei Mindelheim ist ein noch junger See. Entstanden durch Kiesabbau, hat sich der Baggersee längst in ein beliebtes Freizeitgelände verwandelt. In der Region wird er liebevoll „neue Nordsee“ genannt – nicht nur wegen seiner Weite, sondern auch wegen des Strandes und des offenen Himmels darüber.
Doch nicht nur der See selbst ist ein Zeichen des Wandels: Direkt angrenzend fließt die Mindel, und hier wurde in den letzten Jahren Großes bewegt. In einem Renaturierungsprojekt konnte ein Flussabschnitt ökologisch aufgewertet werden. Die Mindel darf nun wieder mäandrieren, ihre natürlichen Schleifen ziehen und damit Lebensräume für Tiere und Pflanzen zurückerobern.
So treffen hier zwei Wasserwelten aufeinander: Ein künstlich geschaffener See, der heute zum Erleben und Verweilen einlädt – und ein Fluss, der sich Stück für Stück seine Natürlichkeit zurückerobert. Gemeinsam zeigen sie: Auch gestaltete Landschaften können Orte der Rückverbindung werden, wenn wir dem Wasser wieder Raum geben. Und wenn wir erkennen, wie wertvoll selbst die scheinbar „gewöhnlichen“ Gewässer vor unserer Haustür sind.
Fohnsee bei Penzberg
Der Fohnsee bei Penzberg ist ein außergewöhnlicher See: Seine Wasseroberfläche leuchtet – je nach Licht und Himmel – in Türkis, Silber oder dunklem Blau. Er liegt eingebettet in die sanfte Hügellandschaft der Osterseen, einem weit verzweigten Seensystem mit über zwanzig Einzelseen südlich des Starnberger Sees.
Gespeist wird der Fohnsee überwiegend durch Grundwasser. Er besitzt weder sichtbare Zuflüsse noch Abflüsse und genau das macht ihn so empfindlich. Jede Störung bleibt im System. Seine Klarheit, seine Farben und sein stilles Gleichgewicht sind nur möglich, weil er in Ruhe gelassen wird.
Der See gehört zu einem der bedeutendsten Landschaftsschutzgebiete in Oberbayern. Er bietet Lebensraum für Amphibien, Libellen, Vögel – und tiefgehende Erholung für Menschen.
Quote of the day
„Ich bin sicher, dass Pascal seine Vision erreicht.“
Thought of the day
Nur was wir fühlen, können wir schützen.
Und nur was wir schützen, bleibt.
MAHALO an die Loni und Josef Grünbeck-Stiftung, an Helmut Röger von der WTO – Wassertechnik Ostbayern für die Unterstützung bei den Wassertagen in Dillingen und Regensburg, an die Sparkasse Schwaben-Bodensee, an BNP Paribas Real Estate München, an Michael Kreuzer, Hermann Schneider, die Lehrkräfte und alle Jugendlichen – und an die Donau, die Weisinger Seen, den Mindelsee und den Fohnsee. Danke, dass ihr uns gezeigt habt, wie viel wir gewinnen können, wenn wir euch eure Ufer zurückgeben.








































